Rehwildbejagung
Tipps für Waldjäger von Wulf-Eberhard Müller

Die Hauptaufgabe der Rehwildbejagung ist nach wie vor die Erzielung jagdlich regulierter Rehwildbestände, wobei den Weisergrößen Waldverjüngung und körperliche Verfassung des Wildes entscheidende Bedeutung zukommt.

LEBENSRHYTHMUS DES REHWILDES UND GEZIELTE BEJAGUNG

A: VORBEMERKUNG

1.
In Waldrevieren ist eine ausreichend intensive Rehwildbejagung wesentlich schwieriger - aber auch reizvoller - als in reich gegliederten, übersichtlichen Mischrevieren.

2.
Jagdlich regulierte Bestände erfordern i. d. R. Strecken um 10, 20 und mehr Rehe pro 100 ha Wald je nach Waldstruktur wie die Beispiele Forstamt Dinkelsbühl (11,5 Stück), Forstdirektion Stuttgart (10,1 Stück) und Forstdirektion Tübingen (12,7 Stück) schon vor 20 Jahren zeigten. Sie lagen damit allerdings noch erheblich unter den Strecken vieler Mischreviere, die zwischen 15 - 20 und mehr Stück pro100 ha Wald erzielten.

3.
Da man in Waldrevieren immer nur einen Bruchteil des Rehwildes in Anblick bekommt, gilt es gerade hier die Empfehlung KALCHREUTHERS (DJV-Preis Öffentlichkeitsarbeit 1978) zu beherzigen "Es gilt, jedes Kitz oder Schmalreh zu erlegen, um den Wildbestand einigermaßen in den Griff zu bekommen. Jedes! Dann sind nämlich immer noch mehr als genug übrig. Denn im Schnitt sieht man nur die Hälfte der vorhandenen und die sind dann noch längst nicht alle erlegt.". Dass vom "schwächeren Ende" her geschossen werden soll, ist eine Selbstverständlichkeit, d.h. krankes Wild, körperlich schwaches Wild und überzähliges Wild. "Überzählig ist der Großteil des Jungwildes und Wild mit ausgeprägten Alterserscheinungen" (SCHWAB).

4.
Grundvoraussetzung für den Erfolg neben der Beherrschung des jagdlichen Handwerks ist, daß man sich mit den örtlichen Gewohnheiten des Rehwildes auskennt. Einstände, jahreszeitlich verschieden bevorzugte Äsungsplätze und die Hauptwechsel müssen bekannt sein. Allerdings sind deutliche Wechsel ein Zeichen für hohe Rehwilddichten!

5.
Wildäsungsflächen erleichtern, richtig angelegt, die Jagd wesentlich, falls entsprechende, die Hauptwindrichtung berücksichtigende Hochsitze vorhanden sind. Ein zeit- und kosteninten-siver "repräsentativer" Kanzelbau ist im Wald für die Rehwildbejagung nicht erforderlich. Mit dem gleichen Aufwand lassen sich leicht drei wintertaugliche Hochsitze bauen.

6.
Für den praktischen Jagdbetrieb kommt erschwer-end hinzu, daß in den Forstämtern mit der Viel-falt der Aufgaben und der Ausdehnung der Auf-gabenbereiche die Zeit schon längst zum "Minimumfaktor" geworden ist. Die Jagd als Dienst- und Waldschutzaufgabe droht leider immer mehr zum privilegierten Feierabendhobby" zu werden. Vom jagdlich und waldbaulich einst so erfolgreichen Dreiklang "Förster - Dackel - Drilling" ist häufig nur noch der gestresste Mißklang "Forstinspektor - PKW - EDV-Block" übriggeblieben.

B. GEZIELTE BEJAGUNG NACH MONATEN

Jede Abschuss-Steigerung ist verständlicherweise mit einem höheren Zeitaufwand verbunden. Die Er-legung von 3 - 5 Rehen auf 100 ha Wald ist unter Umständen noch ein echtes Vergnügen. Bei 8 -10 Stück kann das Ganze schon in Arbeit ausarten und jede Steigerung über 10 max 20 Stück, wohlge-merkt im Wald, erfordert vom Jäger, daß er im wahrsten Sinne des Wortes "hinter den Rehen her ist."

Das lässt sich aber nur verwirklichen, wenn man versucht, den verfügbaren Zeitaufwand rationell zu nutzen, das heißt, wenn man die Bejagung gezielt auf die Jahres- und tageszeitlichen sowie witterungsbedingt unterschiedlichen Verhal-tensweisen der Rehe abstellt.
Die Kenntnis der Rehwild-Aktivitäten und ihre Schwankungen kann entscheidend dazu beitragen, die Jagdeinsätze möglichst effektiv zu gestal-ten. Hier bieten sich für den Rehjäger gewisser-maßen als Abfallprodukt der Wissenschaft die "Beobachtbarkeitskurven im Jahreslauf und "Äsungsaktivitätskurven im Tagesverlauf" nach ELLENBERG an.
Sicherlich nur Tendenzen, wie so oft, wenn es sich um lebende Materie handelt, wo bliebe sonst der Reiz der Reh Jagd, aber für viele Jäger, die ständig mit offenen Augen vor Ort sind, Bestä-tigung für Erfolge und Misserfolge.

ÜBERSICHT: LEBENSRHYTHMUS DES REHWILD

4 RUHEPERIODEN im

· Sommer
· Spätsommer
· Herbst
· Winter

In diesen Phasen werden die Rehe seltener gesehen und die Wahrscheinlichkeit, ein Stück zu erlegen, ist relativ gering. Diese Ruheperioden werden unterbrochen von

4 AKTIVPERIODEN im

· Frühjahr
· Hochsommer
· Frühherbst
· Spätherbst

Diese Perioden hoher Aktivität sind physiologisch bedingt und können durch soziale Verhaltensweisen verstärkt und gedämpft werden. Hier ist die Wahrscheinlichkeit, Rehe in Anblick zu bekommen, sehr groß und diese Zeiten müssen genutzt werden, wenn das Wetter passt. Als jagd-lich erfolgversprechende Monate sind zu nennen:

· Mai bis Mitte Juni
· September bis Anfang Oktober
· November und Dezember

Die Blattzeit ist reine Vergnügungsjagd und für die Gesamtstrecke mit max. 5-10% absolut bedeu-tungslos!

Übrigens eine für skandinavische Jäger aus Fair-nessgründen undenkbare Jagdzeit!

ÜBERSICHT: ÄSUNGSAKTIVITÄT IM TAGESVERLAUF

Allgemein:
Das Rehwild zeigt ganzjährig die höchsten Äsungs-aktivitäten in der Dämmerung und bei Nacht!

Sommerrhythmus:
Nur von Mai bis August mit Schwerpunkt Mai/Juni treten bemerkenswert hohe Äsungsaktivitäten bis in denVormittag auf.

Winterrhythmus:
Ab September gehen die Hauptaktivitäten auf die Dämmerungs- und Nachtzeit zurück. "Die Rehe haben die Schusszeit im Kopf!" Zur Feistzeit im November und teilweise Dezember ist um die Mittagszeit ein jagdlich bedeutendes Äsungs-aktivitätsmaximum mit einem zusätzlich kleinen Gipfel am frühen Nachmittag erkennbar.

Die "günstigen" bzw. "sehr günstigen" Jagdzeiten wurden an Hand einer Rehwildstrecke von 76 Reh(15 Stück/100 ha/Jahr) in 5 Jagdjahren und der mehrfachen Anzahl von Einzelbeobachtungen auf einer 100 ha großen Testfläche in einem Kiefern-Heide-Revier auf Burgsandstein ermittelt. Sie dürften für viele Waldreviere zutreffen, wie es z.B. zwischen Fränkischem Jura (Stammham) und Sandsteinkeuper der Fall zu sein scheint.

Gezielte Bejagung nach Monatsgruppen

MAI / JUNI - GRUNDSÄTZE

· Konzentration auf Jährlinge und Schmalrehe
· Jährlinge und Schmalrehe im Zweifelsfalle immer schießen

· Erwachsene Böcke im Zweifelsfalle immer lau-fen lassen

· Nach Knopfbockecken (Ausweichplatz für 1-jähr-ige Nomaden suchen)

· Markierte Einstände meiden = territorialer Bock!

· Minisprünge beachten = 2 - 4 meistens 1-jähr-ige Rehe

· Bei Kälte, Wind und Regen am Schreibtisch aus-ruhen ("Wenn der Wind jagt, jagt der Jäger nicht").

Die Monate Mai und Juni müssen ganz im Zeichen der Bejagung der 1-jähringen "Rehnomaden" stehen, besonders dann, wenn der Kitzabschuss im Herbst vorher zu niedrig war.

Jährlinge und Schmalrehe sind während der gesamten Schusszeit nie mehr so häufig sichtbar wie in der Zeit Anfang Mai bis Mitte Juni und vor allem nie mehr so einfach anzusprechen, da praktisch bei vollem Tageslicht gejagt wird.

Man trifft sie am sichersten in sogenannten Knopfbockecken an, soweit sich die Schmalrehe nicht schon einem territorialen Bock angeschlossen haben (und nicht etwa umgekehrt). Das sind meist von den Wald-Feldgrenzen abgesehen, lichte Althölzer und durchsichtige Stangenhölzer mit kleinflächigen Deckungsinseln und Äsungsmöglichkeiten, die weder für territoriale Böcke noch für Geißen als Setzplätze interessant sind. Diese halten die deckungs- und äsungsreichen Verjüngungs- und Dickungsflächen besetzt.
Für das "Auftauchen" der Jährlinge und Schmalrehe sind die Dichte der Bockterritorien, der Setzzeitpunkt der Geißen und das Wetter entscheidend. Je besser der Jährling, um so eher wird er vom Platzbock vertrieben.
Setzen die Geißen spät, dann wird die Trennung vor allem von den Schmalrehen und den schlecht entwickelten Jährlingen auch später eintreten. So "tauchen" bei spätem Vegetationsbeginn die Jährlinge und Schmalrehe erst Anfang Juni auf.

Der Schmalrehabschuss sollte bis Mitte Juni weitgehend erfüllt sein, da bis dahin die meisten Geißen wieder schlank und ganz verfärbt sind und ein sicheres Ansprechen immer schwieriger wird.
Ein indirektes Ansprechen kann allerdings die Bejagung der 1-jährigen Nomaden erleichtern, da diese die Eigenart haben, in einem für sie oft fremden Gebiet Anschluss zu suchen, oder sich sogar zu Minisprüngen von 2-4 Rehen zusammenzuschließen.

Folgende Kombinationen sind anzutreffen:

· Bock plus Schmalreh (Schmalreh bringt keine Böcke!!)
· Schmalreh plus Schmalreh plus ...
· Jährling plus Schmalreh
· Nichtführende Geiß plus Schmalreh (schwierigster Fall)
· Jährling plus Jährling plus ... (Junggesellenclub)

Es handelt sich also bei den Sprüngen von 2-4 Rehen im Mai/Juni in aller Regel um 1-jährige Stücke. Trifft man zur gleichen Zeit zwei weibliche, unterschiedlich starke Rehe die zusammen ziehen, so wird es sich fast immer um eine nichtführende Geiß plus Schmalreh handeln.
Wer bis Mitte Juni die Zeit damit verschwendet, sich einen Kapitalen zu zelebrieren, schafft erfahrungsgemäß den Jährlings- und Schmalrehabschuss nicht. Noch schlimmer verhält sich allerdings der Aufwarter, der einen einmal gesichteten Knopfer immer an der gleichen Stelle auflauert, obwohl dieser schon längst in ein Niemandsland verjagt wurde.

Für die Beobachtbarkeit spielt aber gerade das Wetter zur Zeit des Haarwechsels eine große Rolle. Ist es kalt, regnerisch und windig, wo wird man selbst in "bestgehegten" Revieren kaum ein Stück zu Gesicht bekommen.

Auch die Mondphasen wirken sich auf die Beobachtbarkeit der Rehe so aus, daß im Mai nach dunklen Nächten Rehe häufiger während der Vormittagsstunden zur Äsung austreten, als während der Vollmondphasen, in denen Sie anscheinend vermehrt auf Nahrungssuche gehen. Das ist vielleicht auch eine Erklärung dafür, daß man in den Tagen vor Vollmond die Rehe seltener sieht als sonst.

JULI / AUGUST -GRUNDSÄTZE

· Familienwiedergutmachung - daheim bleiben - Urlaub genießen
· Nachlese bei Jährlingen und erwachsenen Böcken
· Ende August sich nach Geißen und Kitzen um-sehen

Die Monate Juli/August sind für den Jäger eine echte Feistzeit, die nur von den 14 Tagen der Blattzeit Ende Juli bis ca. l0. August unter-brochen wird. Der passionierte Rehjäger wird die Faulheit der territorialen Böcke kurz vor der Brunft zur Nachlese bei den wieder besser sicht-baren Jährlingen nutzen. Die Brunft jedoch sollte nur zur schonenden Bejagung der erwach-senen Bocke dienen.

SEPTEMBER / OKTOBER - GRUNDSÄTZE

· Sofort mit Aufgang der Schusszeit mit Kitzen und Geißen beginnen
· Ziel bis Ende Oktober: 65 % Abschusserfüllung bei Kitzen, Geißen, Schmalrehen
· Jedes schwache Kitz plus Geiß
· Generell das schwächere Zwillingskitz
· Während des Haarwechsels Wetterempfindlich-keit beachten

Im September bis Mitte Oktober halten sich "günstige" und "sehr günstige" Jagdzeit morgens und abends die Waage. Im Zweifelsfall morgens jagen. Empfehlenswert ist es nach "Geißenplätzen", das sind die bevorzugten Äsungsplätze, zu jagen und weniger nach Ein-ständen.
Entscheidend ist die Witterung. Warmes, sonniges und ruhiges Herbstwetter fördert die Rehwild-aktivität. Kühles, regnerisches und dabei wind-iges Wetter drosselt gerade während des Haar-wechsels die Aktivität und verschiebt sie für die Jahreszeit ungewohnt früh in die späten Dämmerungsstunden.
Mit abnehmendem Tageslicht ziehen die Rehe immer später und die übliche "Rehflaute" wird spätest-ens Mitte Oktober eintreten. Eine Ausnahme bil-den windstille Hochnebeltage, da hierbei an-scheinend für die Rehe die "Dämmerung vorver-legt" wird.

NOVEMBER / DEZEMBER - GRUNDSÄTZE

· Konsequente Abschusserfüllung durch Zahlab-schuss
· Gezielt nach "Rehwetter" jagen Frost! Schnee! Sonne!

Bis Mitte November setzt sich je nach Witterung gewöhnlich die "Rehflaute" fort. Im November wird es erst wieder nach den ersten Nachtfrösten und vor allen Dingen nach dem ersten Schneefall erfolgversprechend.
Während die Rehe abends fast ausnahmslos zu spät ziehen, bummeln sie morgens nach Frost und Schnee mit einsetzendem Büchsenlicht lange "unschlüssig" hin und her. Wo man vorher über Wochen fest kein Reh mehr gesehen hat, sieht man sie nun überall recht vertraut vor allem bei Sonne auf den bekannten Wechseln ziehen.

Daueransitz an den Hauptwechseln bis gegen 9 Uhr vormittags und an windgeschützten, von der Sonne
beschienenen Äsungsplätzen um die Mittagszeit bringt manche alte Geiß mit Kitz zur Strecke.
Wie jeder weiß, ist das Ansprechen der Rehe im Winterhaar schwierig und man kann die Stücke vor dem Schuss nicht auf die Waage stellen. Ist man mit der Abschusserfüllung weit zurück, muss auf Zahl geschossen werden, d.h. jedes Kitz plus Geiß und jedes einzelne weibliche Stück. Also "Wahlabschuss" mit grobem Raster!

Gegen Ende November kann man wieder häufiger Schmalrehe in Anblick bekommen, die gerne mit einem älteren Bock ziehen. Bei einem Schmal-rehdefizit im Abschuss kann das exakte Ansprech-en von "starker Geiß mit starkem Geißkitz" Über-raschungen bringen.
Bei strengem, länger anhaltendem Frost und geschlossener Schneedecke ziehen die Rehe als typische Energiesparer, sie haben gewisser-maßen "Sonntagsfahrverbot", ganz schlecht. Sie zeigen sich dagegen bei geringem Frost und Schnee gerne in den späten Vormittagsstunden und am frühen Nachmittag auf sonnenbeschienenen Äs-ungsplätzen.

JANUAR

Der Januar ist in reinen Waldrevieren bei leichter Schneedecke und Frost der ideale Drückjagdmonat. Er ist für viele Waldreviere durch Bewegungsjagden wesentlich erfolgreicher als der wettermäßig unberechenbare Dezember.
Was für Sau und Kahlwild gilt, sollte auch für Rehe gelten und unter natürlichen Bedingungen jagen Wolf und Luchs 365 Tage im Jahr - ohne Schonzeit. Ein Jahrtausende altes Fitnesspro-gramm, lange bevor das Pulver erfunden wurde.